Krippenspiel in der kath. Herz-Jesu-Kirche in Pressig

unter dem Motto:

 

„Ein Platz in der Herberge“

 

Traditionell fand auch in diesem Jahr in Pressig wieder eine Kindermette statt. Kein Platz war in der vollbesetzten Herz-Jesu-Kirche mehr frei – anders als im diesjährigen Krippenspiel, in dem entgegen der biblischen Geschichte Maria und Josef dank einer gutmütigen Wirtin nicht von Herberge zu Herberge ziehen müssen, sondern gleich im ersten Gasthaus eine Bleibe für die Nacht finden.

 

Nach der Kurzgeschichte „Kein Platz in der Herberge“ von Dina Donohue inszenierte Martina Müller dieses etwas andere Krippenspiel. Bezeichnend dabei war, dass auch acht syrische Jungen und Mädchen und ein afghanisches Mädchen unbedingt mitmachen wollten. Als Hirtenkinder waren sie in das Geschehen einbezogen und erfüllten sogar ihren Deutschkenntnissen entsprechend auch eine Sprechrolle. Stolz und glücklich lachend konnte man sie, wie auch alle anderen Krippenspielerinnen und –spieler beim Gottesdienst beobachten.

 

Die über 30 jungen biblischen Darstellerinnen und Darsteller von der 1. bis zur 7. Jahrgangsstufe zogen mit Bläserbegleitung zum Hauptaltar ein, wo Pastoralreferentin K. Ritter die Tagesgebete mit der Kirchengemeinde sprach und die Krippenspielkinder begrüßte. Dann nahm die weihnachtliche Geschichte 2015 ihren Lauf.

 

In einer Art Rückblende wurde ein Ausschnitt aus der ersten Krippenspielprobe gespielt: Laura war gerade elf Jahre alt geworden und ging in die 6. Klasse. Sie war groß und unbeholfen, langsam in ihren Bewegungen, aber ihre Klassenkameraden mochten sie, denn sie war stets hilfsbereit,  gutmütig und heiter und die geborene Beschützerin der Jüngeren. Eigentlich wäre Laura im Krippenspiel gern ein Engel mit Flügeln gewesen, aber Frau Alicia Suffa-Weißkopf als Spielleiterin hatte ihr eine wichtigere Rolle zugedacht. Sie sollte eine Wirtin darstellen. Diese hatte zwar nur wenige Zeilen zu sprechen – so überlegte sie sich -, doch Lauras laute und kräftige Stimme würde der Weigerung, Josef und Maria zu beherbergen, mehr Nachdruck verleihen. Laura war nicht recht zufrieden mit ihrer Rolle, doch da sie ein gutes Herz hatte, stimmte sie schließlich zu.

 

Also versammelte sich am Heiligabend die zahlreiche Kirchengemeinde zu der alljährlichen Aufführung der Weihnachtsgeschichte mit Krippe, Hirten, Engelchen mit Heiligenscheinen, Königen, Trommlern, einem Esel und einer ganzen Bühne voll heller Kinderstimmen. Doch weder auf der Bühne noch im Zuschauerraum gab es jemanden, der vom Zauber dieses Abends mehr gefangen war als die Wirtin Laura.

 

Der Engel Gabriel trat zu Maria und verkündete ihr die frohe Botschaft. Sie war von Gott auserwählt, die Mutter seines Sohnes Jesus zu werden. Maria erschrak, doch sie erklärte sich bereit für diesen großen göttlichen Auftrag. Zu dieser Zeit gab Kaiser Augustus den Befehl zur ersten Volkszählung. Somit mussten auch Maria und ihr Mann Josef in dessen Geburtsstadt Bethlehem ziehen. Mit ihnen zogen auch viele weitere Menschen in ihre Heimatstadt. Dieses Volk wurde von den Hirtenkindern dargestellt, und so zogen alle mit dem biblischen Paar zum passenden Lied der Engelchen durch die Kirche. Es kam der Augenblick, wo Josef und Maria behutsam vor die Herberge führte. Josef pochte laut vor der Tür, die man in die neu gemalte Kulisse gesägt hatte. Laura als Wirtin  trat heraus.

 

Auszug aus dem Krippenspiel:

„Was wollt ihr?“, fragte sie barsch und stieß die Tür heftig auf. 

„Wir suchen Unterkunft.“  „Sucht sie anderswo!“.  Laura blickte starr geradeaus, sprach aber mit kräftiger Stimme. „Die Herberge ist voll.“  „Frau Wirtin, wir haben überall vergeblich gefragt. Wir kommen von weit her und sind völlig erschöpft.“  „In dieser Herberge gibt es keinen Platz für euch!“. Laura blickte streng.

„Bitte, liebe Wirtin, das hier ist meine Frau Maria. Sie ist schwanger und braucht einen Platz zum Ausruhen. Ihr habt doch sicher ein Eckchen für sie. Sie ist so müde.“

Jetzt lockerte die Wirtin zum ersten Mal ihre starre Haltung und schaute auf Maria herab. Dann folgte eine lange Pause, so lang, dass es für die Zuschauer schon ein bisschen peinlich wurde.

„Nein!  Schert euch fort!“, flüsterte die Souffleuse Alicia aus der Kulisse.

„Nein!“, wiederholte Laura automatisch. „Schert euch fort!“

Traurig legte Josef den Arm um Maria, und Maria lehnte den Kopf an die Schulter ihres Mannes. So wollten sie ihren Weg fortsetzen.  Aber die Wirtin Laura ging nicht wieder in ihre Herberge zurück. Sie blieb auf der Schwelle stehen und blickte dem verlassenen Paar nach – mit offenem Mund, die Stirn sorgenvoll gefurcht, und man sah deutlich, dass ihr die Tränen in die Augen traten.

 

Und plötzlich wurde dieses Krippenspiel anders als alle bisherigen.

„Bleib hier, Josef!“, rief Laura. „Bring Maria wieder her!“. Lauras Gesicht verzog sich zu einem breiten Lächeln.  „Ihr könnt mein Zimmer haben.“ und sie rannte Josef und Maria nach um sie zurückzuholen und in ihr Gasthaus zu führen. Es war ihr egal, dass alle Krippenspieler, angefangen von der Spielleiterin Alicia, über Maria und Josef, den Engelchen, bis hin zu den anderen Wirtsleuten, entsetzt waren von Lauras eigenmächtiger Änderung des Spielverlaufs. Schließlich mussten doch Maria und Josef von Herberge zu Herberge ziehen und überall abgewiesen werden, bis ihnen endlich ein Wirt seinen Stall anbieten sollte. So stand es in der biblischen Geschichte und jeder sollte und wollte doch seine Rolle spielen und seine Aufgabe im Stück übernehmen. Das ging doch wohl nicht! Und so schimpften sie Laura. Doch diese lächelte still vor sich hin und meinte, sie könne halt einfach nicht so gemein sein, dann würde es halt ein anderes Krippenspiel. Alle schauten sich an – sollten sie das ganze Krippenspiel jetzt schmeißen? Das wäre ja oberpeinlich! Sie tauschten lange fragende Blicke untereinander aus. Und so spielten sie schließlich weiter – auf Lauras Art.  Diesmal fanden also Josef und Maria gleich eine Herberge – in einem Wirtshaus – mit warmen Kissen und Decken – aber auch mit den Tieren im Stall. Der Engel brachte den Hirten auf den Feldern die frohe Botschaft von der Geburt Jesu, und sie zogen musizierend zur Herberge. Alles nahm ein gutes Ende – nur die Könige aus dem Morgenland suchten noch immer den Stall auf dem Feld.

 

Manche Leute konnten meinen, Laura habe die Weihnachtsgeschichte verdorben. Aber viele, viele andere hielten es für das weihnachtlichste aller Krippenspiele, das sie je gesehen hatten.

 

Mit dem Lied „Wo der Himmel und die Erde sich berühren, kann ein Mensch die Liebe spüren,…“, das die jungen Darsteller aus voller Inbrunst sangen,  endete das Krippenspiel,  und die großen und kleinen Gottesdienstbesucher waren genau wie die Wirtin Laura von der frohen Stimmung verzaubert.

 

Das Krippenspielgeschehen wurde von wunderschönen Liedern begleitet. Diese wurden von Marie Hopf-Hammerschmidt (7. Klasse Realschule) gesungen  und alle Krippen-spieler fielen in die Refrains ein. Vor allem das Lied „Ein Traum wird wahr“ führte die Gottesdienstbesucher immer wieder in die nächste Szene. Die Songs begleiteten die Hirten mit ihren Schellen rhythmisch  und alle tanzten schwungvoll zu den eingängigen Liedern.

 

Das Krippenspiel inszenierte auch in diesem Jahr wieder Martina Müller. Eigens dafür wurde dieses Jahr eine mobile Kulisse, die sich vom zeitgenössischen Zimmer Marias zu Lauras Gasthaus umwandeln ließ, geschreinert und liebevoll bemalt. Frau Müller kleidete alle Krippenspieler auch wieder mit zeitgenössischen Gewändern ein. Tatkräftig unterstützt wurde sie wie jedes Jahr von ihrer Kollegin Petra Scherbel. Das Pressiger Bläserensemble umrahmte den Kindergottesdienst feierlich.